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Leah - Eine Liebe in Hamburg

Auch erhältlich als:
Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783862823765
Sprache: Deutsch
Umfang: 228 S.
Format (T/L/B): 1.7 x 19.2 x 12.1 cm
Einband: kartoniertes Buch

Beschreibung

"Wir werden ewig leben", sagte ich. - "Keiner lebt ewig", antwortete sie. "Nicht hier auf der Erde." Seit ihrer Geburt im Tabea-Krankenhaus in Blankenese sind Leah und Johannes unzertrennlich. Der Sohn eines Hafenarbeiters und die Tochter aus einer reichen Reederfamilie glauben zunächst noch daran, dass ihre Liebe sich stärker als der Tod erweist. Doch Leah ist Jüdin und ihre unbeschwerte gemeinsame Zeit endet jäh, als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen. In seinen Tagebüchern hält Johannes die wertvollen Momente mit ihr fest - bis Leah eines Tages verschwindet. Erst viele Jahrzehnte später erzählt Johannes seinem Enkel von dieser einen großen Liebe. Karsten Flohr lässt die dramatische Handlung vor der realistischen Kulisse der Hamburger Elbvororte und des Grindelviertels ("Klein Jerusalem") aufleben. Diese traurige und doch versöhnliche Liebesgeschichte ist eigentlich nichts Außergewöhnliches: Ihr Ende gleicht dem vieler unglücklichen Liebesgeschichten jener Unzeit - doch gerade deshalb ist diese Geschichte so erzählenswert.

Autorenportrait

Karsten Flohr (Jahrgang 1950) ist Journalist. Nach mehreren Jahrzehnten als Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften arbeitet er heute als freier Wissenschaftsautor. Die im Hamburger Grindelviertel überall sichtbaren Zeichen ehemaligen jüdischen Lebens haben ihn zur Entwicklung des vorliegenden Romans veranlasst, in dem alle Daten, Zahlen und Fakten real sind ebenso wie viele namentlich vorkommende Personen. Allerdings nicht die Hauptfiguren - sie sind Fiktion.

Leseprobe

Aus Kapitel 1: Wir werden ewig leben Mittwoch, 8. April 1928 Heute habe ich von Großvater ein Tagebuch bekommen. Es ist rot und dick und hat Seiten mit Linien. Es ist sein Geburtstagsgeschenk für mich, weil ich ja schon schreiben kann. Aber ich muss nicht jeden Tag etwas schreiben, sagt er, nur wenn ich will. Mama und Papa sagen, Jungen brauchen kein Tagebuch, das haben nur Mädchen. Sie haben mir einen Osterhasen aus Blech geschenkt. Weil mein Geburtstag an Ostern ist. Er hat einen Schlüssel im Rücken, den man aufziehen kann. Und er hat blaue Ohren und lacht. Er ist lustig. Morgen schreibe ich wieder. Großvater hilft mir, aber ich kann schon viel selber schreiben. Er radiert die Fehler aus und macht sie richtig. Donnerstag, 9. April 1928 Wir waren gestern bei Leah. Weil sie am selben Tag Geburtstag hat wie ich und genauso alt ist wie ich. Nämlich sechs. Ihre Mutter hat uns eingeladen - mich und Mama dazu. Ich musste mich waschen vorher und den neuen Pullover anziehen. Und Haare kämmen. Die Lieblings mögen keine kaputten Sachen, hat Mama gesagt. Sie sind anders als wir, da muss alles heil sein. Leah hat einen Kaufmannsladen bekommen, wir haben damit gespielt. Und sie hat ein neues Kleid. Ihre Mutter und meine Mama haben zusammen Tee getrunken. Das tun sie nur an unserem Geburtstag, sonst macht meine Mama bei Leahs Mutter sauber. Wir waren nicht lange da, weil dann anderer Besuch gekommen ist. Sonnabend, 5. Mai 1928 Mama hat mich heute wieder mitgenommen zu den Lieblings. Damit ich nicht allein sein muss. Großvater war nämlich nicht zu Hause. Ich habe mit Leah gespielt in ihrem Zimmer. Das ist groß, und man sieht die Elbe. Leah sagt, ihre große Schwester hat jetzt einen Freund zum Ausgehen und Tanzen, aber sie hat mich. Für immer. Und ich sie. Wir haben gelacht, und ihre Mutter hat ins Zimmer geguckt und gesagt, ihr seid ja so lustig, und dass sie auch mal lustig sein möchte. Da haben wir gesagt, sie soll mitspielen mit uns, aber sie musste in die Küche. Als meine Mama fertig war mit Saubermachen, sind wir zu Fuß nach Haus gegangen, an der Elbe entlang. Es war so warm wie im Sommer und die Leute waren aufgeregt. Manche rannten herum. * Wie fast jeden Freitagabend saß ich, Bernhard Bluhm, neben meinem Großvater, Lehnstuhl neben Lehnstuhl, mit Blick aus dem Fenster. Alles war wie immer?: Draußen begann es zu dämmern, die Flasche Rotwein leerte sich, Johannes - so heißt mein Großvater, Johannes Bluhm - musste seine Zigarre in kürzer werdenden Abständen neu anzünden. Nur eines war anders als sonst?: Heute ließ er mich zum ersten Mal in seinen Tagebüchern lesen. "5. Mai 1928", sagte ich und legte das Tagebuch aus der Hand, "war das der Tag, an dem es in Altona fünf Tote gab bei den Straßenschlachten??" Johannes zuckte die Achseln. "Wie viele, weiß ich nicht", antwortete er. "Aber zwei davon waren Bekannte meiner Mutter Clara. Sie hat davon erfahren, als wir zu Hause ankamen. Wir kamen fast zur gleichen Zeit heim wie mein Großvater Friedrich. Er erzählte es ihr. Er war gerade in Altona gewesen, um Holz für seine Werkstatt zu besorgen. Er hat Glück gehabt, dass er nicht mitten hinein geraten ist in die Prügeleien. Die Braunen und die Roten haben diesmal nicht nur mit Stuhlbeinen aufeinander eingeschlagen, sondern es wurde geschossen. Zum ersten Mal. Friedrich konnte sich gerade noch in die "Hirschquelle" retten, das Lokal der Kommunisten. Dann waren sie alle auf der Straße, die Braunen hatten sie hinausgetrieben. Am Ende sah die Straße aus wie nach einem Krieg. Nicht nur die Roten bluteten, auch drei Nazis blieben liegen. Unter den Roten waren zwei Freunde von Clara. Friedrich hat sie erkannt, aber die Polizei ließ ihn nicht an sie heran. Einer lebte noch, hat er gesagt. Der ist erst später gestorben." "Was hat Clara gemacht??" "Sie ist sofort wieder los, hat Friedrich gebeten, bei mir zu bleiben, bis Vater von der Schicht im Hafen nach Hause kam. Wir sind dann in Großvaters Werkstatt gegangen, hinten im