Der Alpendiktator und Menschenfreund (Paperback)

Gesellschaftsroman
ISBN/EAN: 9783862827428
Sprache: Deutsch
Umfang: 180 S.
Format (T/L/B): 0.9 x 19 x 12 cm
Auflage: 1. Auflage 2020
Einband: Paperback
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Astrid Schilcher wurde in Graz geboren, wo sie seit 2016 auch wieder lebt. Sie studierte Kunstgeschichte, Dolmetsch und hat ein abgeschlossenes Volkswirtschaftsstudium. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie ein Consulting Unternehmen und ist Lektorin an zwei Fachhochschulen. Privat schon immer ein Büchernarr, gibt sie nun ihrer gesellschaftskritischen Erzählstimme Raum. Ihr erster Roman "Mitgefühl für den Teufel" erschien 2018 im Keiper Verlag.
Drei Zeitzeugen Florian Steiner war zum Führen geboren. Meine lebendigste Erinnerung an ihn stammt aus der Volksschulzeit. Wir waren Klassenkameraden. Schon damals wäre es niemandem in den Sinn gekommen, ihn Flo zu nennen. Es war ein sonniger Herbsttag, knapp nach Schulbeginn. Wir waren acht Jungs, Lausbuben, und stritten darüber, ob wir Cowboys und Indianer oder Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann spielen sollten. An diesem Tag bekamen wir alle von einem Achtjährigen unsere erste Lektion im demokratischen Mehrheitsprinzip. Florian kletterte kurzerhand auf die Parkbank und verkündete mit einer angeborenen Autorität, die unser wildes Durcheinandergeschrei augenblicklich verstummen ließ: 'Hört mal her, es gibt eine ganz einfache Lösung.' Es folgte eine kurze Erklärung der Begriffe Mehrheit und Demokratie mit dem Hinweis, dass wir in einer demokratischen Republik lebten. Wir verstanden höchstens die Hälfte, waren aber zu erstarrt in einer Mischung aus Faszination und Scham über unsere eigene Unwissenheit, um Fragen zu stellen oder gar Widerspruch zu leisten. 'Damit eine Einigung zustande kommt und wir endlich spielen können, muss die Minderheit ihren Protest aufgeben und dem Willen der Mehrheit folgen. So ist das in einer Demokratie ', schloss er sein Plädoyer und wir alle nickten betreten. Die Abstimmung endete 5:3 für Cowboys und Indianer. Dass Florian den begehrten Part des Indianerhäuptlings einnahm, stand außer Frage. Später fragte ich mich manchmal, was geschehen wäre, hätte das Voting 4:4 ergeben. Aber ich bin mir sicher, dass er auch dafür eine Lösung parat gehabt hätte. Wahrscheinlich hätte er uns einen Exkurs über parlamentarische Diskussionsrunden verpasst. Florian war zwar der Kleinste und Schmächtigste von uns, überragte uns aber haushoch in seinen rhetorischen Fähigkeiten. Er hätte es zweifelsohne geschafft, einen aus der Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann Fraktion zum Überlaufen zu bewegen. *** Ich unterrichtete Florian Steiner in der Oberstufe des Akademischen Gymnasiums in Physik. Er war der Albtraum für einen noch relativ jungen und unerfahrenen Lehrer wie mich. Nicht etwa, weil er störte oder aufmüpfig war, nein, es waren seine Fragen, die mir den Angstschweiß auf die Stirn trieben, sobald ich ihn brav die Hand heben sah. Dabei ging es ihm keinesfalls darum, uns Lehrer bloßzustellen. Er war einfach unendlich wissbegierig. Aber wie, um Himmels Willen, kam ein Siebzehnjähriger auf derartige Fragestellungen? 'Wenn das Verhalten eines Schwarzen Lochs nach außen hin vollständig durch seine Masse, elektrische Ladung und seinen Drehimpuls bestimmt ist und es außerdem in der Quantenphysik keinen Verlust von Information geben kann, was passiert dann mit der Information der Objekte, die von einem Schwarzen Loch aufgesogen wurden?' Hatte man keine zufriedenstellende Antwort parat, und die hatte natürlich niemand, verlor Florian rasch das Interesse und verabschiedete sich mental vom Unterricht, was ich jedes Mal als persönliche Niederlage empfand. Gegenüber seinen Mitschülern war er durchwegs hilfsbereit, erklärte ihnen geduldig nicht verstandene Teile des Unterrichtsstoffes und gab einigen sogar unentgeltlich Nachhilfeunterricht. Als ich hoffnungslos daran scheiterte, der Maturaklasse eine Vorstellung von der vierten Dimension zu vermitteln, hob Florian wieder einmal seine gefürchtete Hand: 'Darf ich es versuchen?' Ich nickte resigniert und sah mit an, wie er aus einem papierenen zweidimensionalen Würfelnetz einen Würfel formte und diesen dann wieder in die zweite Dimension auffaltete. Danach projizierte er den Schatten eines Würfels auf einen zweidimensionalen Schirm und skizzierte, wie man aus diesem Schatten ein Würfelnetz konstruieren konnte. Daraus folgerte er, dass der Schatten eines Tesserakts in unserer Dimension ein 3D-Würfel sei, aus dem sich ebenfalls ein Tesseraktnetz ableiten ließ, welches zusammengefaltet schlussendlich einen Hyperwürfel ergäbe. 'Keiner von uns kann sich die vierte Dimension