Die Wörtersammlerin (kartoniertes Buch)

Eine deutsche Kindheit - Erzählung
ISBN/EAN: 9783942223867
Sprache: Deutsch
Umfang: 165 S.
Format (T/L/B): 1.3 x 20.1 x 11.5 cm
Einband: kartoniertes Buch
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Lilibeth und ihre Familie müssen wegen das Bombardements der alliierten das vertraute Berlin verlassen. Sie wird in Ostpreußen eingeschult und ist begeistert von den Wörtern, die sie lernt. Sie beobachtet, wie die Erwachsene reden, lauscht ihren Sätzen und lernt schnell: >Krieg< hat fünf Buchstaben, Frau Ohlmann ist >arischGüterzug nach Berlin< muss schneller eintreffen als die >RussenRaus aus dem Haus, rum um die Ecke, rein in den BunkerOnkel Hans< sagen, damit die Leute ihn nicht andauernd anzeigen - man nannte ihn >NaziSowjetische Besatzungszone
Dietlind Köhncke wurde 1937 in Aachen geboren und ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Nach ihrer Flucht in den Westen studierte sie Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Marburg und Gießen und unterrichtete anschließend Deutsch und Politik an beruflichen Schulen und am Hessenkolleg Wetzlar. Neben der eigenen Lehrtätigkeit ließ sie sich zur Gruppenanalytikerin und Supervisorin ausbilden und arbeitet heute in eigener Praxis sowie als Gruppenlehranalytikerin und Dozentin am Institut für Gruppenanalyse Heidelberg e.V. Sie hat zwei Romane, ein Kinderbuch, Erzählungen und Gedichte geschrieben und veröffentlichte eine Reihe wissenschaftlicher Essays zum Thema >Spiel und Kreativität.
LILIBETH 'Der Krieg hört nicht auf', sagt Mutter beim Frühstück und schaut uns mit ihren blauen Augen traurig an, 'wir müssen aus Berlin raus.' Wenn sie so schaut, werde ich auch traurig, aber ich will nicht weg. 'Ich komme doch in die Schule, ich habe schon einen Ranzen, wir können nicht wegfahren.' 'Die Kinder aus der Schule', sagt Sonja, 'werden alle evakuiert, auch die aus meiner Klasse.' Sonja ist schon richtig groß und kommt nach den Sommerferien in die dritte Klasse. Sie benutzt Wörter, die ich nicht kenne. 'Sie können hier nicht bleiben, sie werden weggeschickt, und wir müssen auch weg', erklärt sie mir. Trotzdem will ich nicht und stampfe mit dem Fuß auf. 'Wir fahren mit dem Zug aufs Land', sagt Mutter, 'das ist bestimmt schön und dort gibt es auch eine Schule.' 'Schön', ruft Bärbel und will runter von Mutters Schoß. Sie hat von nichts eine Ahnung, so klein wie sie ist, grad mal drei Jahre. 'Hör zu, Lily', sagt Mutter und fasst mich an den Händen, 'wir fahren mit dem Zug nach Ostpreußen, da gibt es kein Sirenengeheul und wir sind wieder sicher. Großmutter kommt mit und Tante Dora auch, nur Großvater bleibt in Berlin. Er muss arbeiten und passt auf die Wohnung auf.' Wenn Tante Dora mitkommt, dann freue ich mich vielleicht doch. Sie ist viel jünger als meine Mutter, fast wie eine große Schwester, und immer lustig. Tante Dora will studieren und Lehrerin werden. Vielleicht gehen wir dann mal zusammen in die Schule. Und dann bringt uns der Zug zu einem Ort, der heißt Zöpel, und von dort fahren wir mit einem Leiterwagen bis zu dem Bauernhof, auf dem wir wohnen sollen. Mutter sagt, ich hätte im Zug ganz viel geschlafen, mit meinem weißen Teddy im Arm. Aber nun ist es doch nicht schön. Überall nur Felder und das Dorf ist weit weg von dem Hof. Warum müssen wir alle in einem Verschlag unter dem Dach schlafen, wo die Mäuse nachts herumlaufen? Und warum ist der Bauer so unfreundlich zu uns? Ich kann kaum verstehen, was er redet. Die Wörter, die aus seinem Mund fallen, klingen ganz anders als bei uns, so als ob man sie breit tritt. Großmutter sagt, er hätte uns aufnehmen müssen. Ich glaube, er ärgert sich, weil wir keine Verwandten von ihm sind und aus der Stadt kommen. Aber wir können doch nichts dafür, dass die Bomben hinter uns her sind. Ich höre die Erwachsenen oft miteinander flüstern, wenn sie denken, wir schlafen schon. Großmutter und Tante Dora sprechen ganz viel mit meiner Mutter, die öfter wegfährt und nicht sagt wohin. Aber ich weiß, was ich weiß. Dass nämlich mein Vater seit damals nicht zurückgekommen ist und ich glaube, dass sie ihn jetzt irgendwo besucht, aber mit uns Kindern nicht darüber reden will. Dabei habe ich doch gesehen, wie die schwarzen Stiefel und Mäntel ihn mitgenommen haben. Die Stiefel kannte ich schon, die hatte er auch an, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Wenn ich meine Mutter frage: 'Wann kommt er denn wieder?' sagt sie immer: 'Er hat noch zu tun, er kann noch nicht kommen.' Jetzt hätte er in dem Zimmer auch gar keinen Platz mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihn vergesse, er wird immer leiser in mir. Ich verstehe die Erwachsenen nicht. Wenn man sie was fragt, schieben sie einen weg und sagen: 'Wir haben andere Sorgen.' Auch Tante Dora ist nicht so lustig wie sonst und spielt nicht mit uns. Dabei hat sie doch Zeit genug. Manchmal bleibe ich extra auf der langen Chaussee hinter den Erwachsenen zurück. Aber sie drehen sich nicht um und rufen: 'Lily, wo bleibst du?' So als ob sie einen gar nicht vermissen. Ich brauche sie nicht mehr, ich komme jetzt in die Schule. Der Weg dorthin ist weit, eine Stunde lang laufen die Kornfelder, so weit man schauen kann, auf beiden Seiten mit. Im Dorf führen die Bäume am Wegrand die Straße direkt in die Schule hinein, wo in der ersten Klasse schon viele Kinder sind, die ich noch nie gesehen habe. Sie sprechen die Wörter genau so wie der Bauer aus. Ein Mädchen mit langen, hellen Zöpfen sitzt neben mir, sie hat eine Schürze über dem Klei